Die Archivdiebe ...

Paul Lammers, 2007

Es geschah an einem Abend kurz vor Weihnachten.
Überall, wo man hinsah, zeugten die künstlichsten Düfte und die bunten
Lichter der Schaufenster von dem herannahenden Fest. Von Überall her strömten die Menschen ins Stadtinnere, um ihre Weihnachtseinkäufe zu tätigen. Wo man auch hinkam, hörte man Weihnachtslieder aus den
Geschäften klingen. Mit einer Ausnahme. In der Nähe eines alten Bunkers,
der das nationale Filmarchiv beherbergte, war von den Weihnachtsklängen nichts zu hören. Hier und da warf eine einsame Straßenlaterne ihr schummeriges und depressives Licht auf die alten Mauern des Bunkers,
der ansonsten in eisiger Stille lag. Wenn man sich von dieser Stille nicht beirren ließ und etwas genauer hinsah, konnte man an einer Mauer
auf einmal drei Schatten erkennen.

Sie gehörten zu drei Männern, die sich an einem der Hintereingänge des Bunkers zu schaffen machten. An der Art, wie sie versuchten, im Schutz
der Dunkelheit zu bleiben, konnte man erkennen, dass sie sicherlich nichts Gutes im Schilde führten. Sie blieben einige Minuten mit zusammengesteckten Köpfen stehen und schienen zu beratschlagen, wie sie weiter vorgehen würden. Jeder andere hätte es bei der alten Tür wohl mit roher Gewalt versucht, nicht aber diese drei Personen. Einer von ihnen zog einen Schlüssel aus der Jackentasche und steckte ihn in das Schlüsselloch der Tür.
Die alte Schlossmechanik ächzte kurz und gab dann nach,
das Schloss öffnete sich. Man schien vorbereitet zu sein.

Innen angekommen, setzten sie ihren Weg durch einen spärlich beleuchteten langen Gang fort. Als sie leise durch die Flure des Gebäudes gingen, hörten sie aus einem Zimmer, in dem die Tür nur angelehnt war, leise Weihnachtsklänge. Einer der Männer bedeutete seinen Komplizen, leise zu sein, während er einen vorsichtigen Blick durch die angelehnte Tür warf.
Er sah einen Mann an seinem Computer sitzen. Der Mann schlich langsam
und leise von hinten an den arbeitenden Mann heran, ergriff plötzlich von hinten herum seine Kehle und zischte ihm zu: "Mund halten!" Dem Mann fiel
vor Schreck die Maus des Computers aus der Hand, laut scheppernd landete sie auf dem Boden.  "Wir werden Ihnen nichts tun, wenn Sie uns helfen."
Die anderen beiden Männer kamen nun ins Zimmer.

"Was wollen Sie von mir? Ich habe kein Geld!" stammelte der vor Angst zitternde Mann. "Kein Geld sagen Sie?" Die drei Ganoven fingen laut an zu lachen. Der verängstigte Mann zog ein Gesicht, als ob man ihn gebeten hätte, jetzt und sofort eine seiner Nieren zu spenden. "Aus unserer Sicht besitzen sie den größten Schatz, den man nur besitzen kann." "Was meinen Sie?"
Der Schweiß stand dem Mann im Gesicht.
"Das weißt du ganz genau, tu nicht so unwissend", schnauzte einer
der Männer ihn an. "Die ganzen alten Aufnahmen, die ihr hier hortet,
die von uns Steuerzahlern bezahlt wurden, an denen ihr euch jetzt
bereichert, ohne dass wir diese Bilder jemals wieder zu Gesicht bekommen.
Und jetzt nach all den Jahren des untätigen Rumsitzens schreit ihr,
dass der Zahn der Zeit an dem Material nicht spurlos vorbeigegangen
ist und es langsam verfällt."
Man merkte an der Art, wie sie den armen Mann anfuhren, dass sich in dem Moment eine Menge an aufgestauter Energie entlud. Noch immer schwitzte der arme Mann vor Angst, was man seinem durchgeweichten Hemdkragen langsam auch ansah. Die Drei packten den Mann und zerrten ihn
aus seinem Stuhl mit der Aufforderung, ihnen zu zeigen, wo sämtliche Aufnahmen des Buchstaben A archiviert wären.
"Aber was für alte Aufnahmen suchen Sie denn?", fragte der Mann, während er sie zu besagter Stelle des Archivs führte. "Alexandra", klang es einstimmig aus den Kehlen der Drei, wobei sich die Stimmen bei diesem einen Wort sofort viel freundlicher und wärmer anhörten.

"Alexandra?" stammelte der Mann. "Aber an ihr verdient man hier das
meiste." Er biss sich innerlich auf die Zunge ob der Worte, die gerade
über seine Lippen geflossen waren, so eine Information war sicher nicht für diese Zeitgenossen bestimmt. "Sie ist sicherlich ein schöner Spargroschen
um den eigenen Lebensabend abzusichern!"
"Ja, Sie verdienen gut an dem Tod einer wunderbaren Sängerin und vernachlässigen alles, was eigentlich der Nachwelt erhalten bleiben sollte."
Der Mann zeigte ihnen den Raum, in dem sich auch gerade sein Chef aufhielt.
Und während einer von ihnen dem armen Angestellten den Mund zuhielt,
damit er seinen Vorgesetzten nicht warnen konnte, krochen die anderen beiden auf den Boden geduckt in Richtung des noch ahnungslosen Verwalters dieses Archivs.

Er erschrak sichtlich, als die beiden plötzlich vor ihm standen.
"Alexandra", schrien sie ihm zu. "Und zwar plötzlich."
Es war für einen Augenblick still in dem Raum, in dem für gewöhnlich
die  vorhandenen Materialien gesichtet und begutachtet wurden.
"Alexandra? Sagt mir nichts. Wer ist das?" Der Chef blieb erstaunlicherweise recht gelassen. Ganz im Gegensatz zu seinem Untergebenen, der immer noch recht geschockt aussah.
"Ach nee, angeblich nie von gehört?", schnauzte einer von ihnen ihn an.
"Und was ist mit den unzähligen Bittschreiben der Fans von Alexandra,
die ihr im Laufe der Jahre bekommen habt? Alles, was sie wollten,
war einige neue Aufnahmen ihres Idols zu sehen, die ihr hier unter
Verschluss habt. Es müssen so viele Briefe gewesen sein, dass ihr
eigentlich schon längst hättet anbauen müssen."

"Für so was haben wir hier einen Papierschredder", entgegnete
der Chef mit einer verachtenden Geste. "Bitte, so geben Sie ihnen doch
die Aufnahmen, bevor noch ein Unheil passiert", stammelte der Angestellte.  
Die drei Männer nahmen eine bedrohende Haltung an,
die Stimmung schien sich allmählich zu verschlechtern.
"Hm, ich habe offensichtlich keine Wahl", sagte der Chef.
"So ist es!"
Der Chef suchte mit zwei der drei Männern nach den verlangten Aufnahmen, während der dritte ein weiterhin wachsames Auge auf den Angestellten warf. Man konnte nie wissen, wozu einen kleinen geschockten Mann
das durch die Angst freigesetzte Adrenalin treiben konnte.
Schließlich fand der Chef die geforderten Aufnahmen.
"Hier sind sie."
"Ausgezeichnet!"
"Worauf wir solange gewartet haben."
"Soll ich Ihnen das Material auf DVD kopieren?"
"Sieh mal an, ein Spaßvogel", entgegnete einer der drei.
"Nee, nee, dann sitzen wir ja morgen früh noch hier,
das machen wir schön in aller Ruhe selbst."

Der Chef sah resignierend zu seinem Angestellten. Er hatte versucht,
das original Material in den heiligen Hallen behalten zu können,
leider vergebens. "Wie sind Sie eigentlich hier rein gekommen?"
"Es gibt für alles einen Weg, wenn man eine entsprechende Motivation hat."
Die drei Täter nahmen das Material an sich und verschwanden
so schnell, wie sie gekommen waren.
Alles, was sie hinterließen, war ein verdutzter Chef und sein zitternder Angestellter. Die Polizei kam, sah, ermittelte und schließlich wurde auch dieser Fall irgendwann zu den Akten gelegt.

So kam es, das die Aufnahmen von diesem Zeitpunkt an
jedem Alexandra-Fan kostenfrei zur Verfügung standen
und sie sich auch heute noch einer großen Beliebtheit erfreuen.

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